Ritas Sägewerk in Baiersbronn
Kulturgut

Rita mit den dicken Stämmen

Rita Mohrloks Sägewerk kann, was andere nicht mehr können: Starkholz sägen. Ein wichtiger Aspekt für den Erhalt des lokalen Handwerks im Schwarzwald.

von Baiersbronn Touristik
Sa. 14. Dezember 2019

Man kennt sie. Schon jahrelang fahren die Spediteure mit ihren Lastern einfach nur „zur Rita“. Bis zu fünf davon bringen jeden Tag mächtige Stämme auf den herrlich gelegenen Werkhof im Baiersbronner Ortsteil Röt: Fichten, Tannen, Lärchen und Douglasien aus einem Umkreis von 20, maximal 30 Kilometern. Jedes Jahr sind es insgesamt zwischen 25.000 und 28.000 „Festmeter“ bestes Schwarzwälder Bauholz. Was nicht mal viel ist. Etliche Sägewerke fangen erst bei einem Volumen von 300.000 Festmetern an. Aber Ritas Sägewerk kann, was andere nicht können: Starkholz sägen. Also lange und vor allem dicke Baumstämme mit einem Durchmesser von mehr als 40 Zentimetern. Solche mächtigen Stämme sind in Zeiten der Forstwirtschaft selten geworden. Doch genau sie sichern dem Sägewerk die Existenz. Hinzu kommt die gelebte Tradition. Astreine Handarbeit statt automatisierte Vorgänge. Das schätzen Ritas Kunden. „Bei uns macht es nicht die Menge, sondern der persönliche Kontakt und die Möglichkeit, auch kleine Margen für Privatleute oder einzelne Schreiner zu liefern“, sagt Chefin Rita Mohrlok. Dieser Ansatz ist besonders wichtig für den Erhalt der regionalen Handwerkskunst und der traditionellen Holzverarbeitung im Schwarzwald. Denn die lebt nicht von der Gewinnmaximierung, sondern von der Leidenschaft für Material, Werkzeug und das Gewerk als solches.

Als Kind jeden Tag vier Kilometer durch den Wald zur Schule

Rita, 66, fester Blick, noch festerer Händedruck, ist eigentlich längst im Ruhestand. Aber es macht ihr einfach zu viel Spaß, das Leben mit den Bäumen und den Sägen. Was auch kein Wunder ist, als Tochter eines Försters, aufgewachsen in einem Forsthaus im badischen Oberkirch. Vier Kilometer ist sie als Kind jeden Tag durch den Wald zur Schule gelaufen, vormittags. Und nachmittags wurde der Wald ihr Spielplatz.  

Das Sägewerk in Röt, anfangs gehört es einer bäuerlichen Genossenschaft, ist nun schon in vierter Generation in Familienbesitz. „Ich brauche keine Stadt und keinen Schaufensterbummel, mir reicht der Wald“, sagt Rita Mohrlok, „und wenn ich mal eine Wut habe, dann gehe ich in den Wald und dann ist die Welt ganz schnell wieder in Ordnung. Mein Vater hat mir mitgegeben, wie wichtig die Natur ist.“ Es sei zudem nie ein Thema, dass sie einfach nur Chefin sei, sie war schon immer ein Allrounder und kann bis auf die große Gattersäge alle Maschinen selbst bedienen. In der Etage unter ihrem Büro laufen tagsüber die Förderbänder zum Sortieren von Hackschnitzel und Sägemehl. Die Trockenkammern des Sägewerks werden ganz nachhaltig mit Biomasse beheizt.

„Bäume werden wieder wichtiger, weil sie was Beständiges haben“
Rita Mohrlok

In ihrem Sägewerk arbeiten knapp 20 Leute. Manche heißen, so wie früher, Sägewerker, andere Holzbearbeitungsmechaniker. Nur zwei Baiersbronner sind dabei, die meisten kommen aus Portugal, Albanien und anderen fernen Ländern. „Ein ehemaliger Asylbewerber ist schon seit mehr als 15 Jahren bei uns“, sagt Rita Mohrlok stolz und kommt ins Erzählen „Wir arbeiten anders als die großen Sägewerke. Nämlich mit Leidenschaft. Unsere Gattersäge für das Starkholz ist mehr als 60 Jahre alt. Wir nehmen uns Zeit und wir schauen die Bäume wirklich an, bevor wir sie bearbeiten.“ Es dauert eben, bis daraus Kanthölzer, Bretter, Latten oder Lamellen werden; ob für Häuser, Balkone, Möbel oder Terrassen. „Bäume werden in unserer Wahrnehmung wieder wichtiger, weil sie was Beständiges haben. Sie sind uns wieder bewusster, das ist mehr als eine Mode.“

Was Holz mit uns Menschen macht?

Das Schöne an all den Stämmen und Hölzern sei die Unvollkommenheit, findet Rita Mohrlok: „Die Natur tut uns nicht den Gefallen, makellos zu sein. Nicht mal im Schwarzwald. Sind wir Menschen ja auch nicht. Ich sage meinen Kunden immer, dass sie lieber nicht mit Holz bauen sollen, wenn sie Probleme haben, Makel zu ertragen.“  

 

Welches Holz für welchen Zweck?

Stefan  Ruzas
Stefan Ruzas

Der gebürtige Düsseldorfer wohnt seit 30 Jahren in München und hat zwei Kinder. Er schreibt als Autor für Titel wie FOCUS, Süddeutsche Zeitung, Welt am Sonntag, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung oder die Zeit. Er ist Gründer des modernen Bergmagazins Monte und Dozent an der Akademie der Deutschen Medien.

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