Die Schönheitskönigin und das Geheimnis des Schafs - Baiersbronn Online-Magazin
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Das Geheimnis des Schafs

Der chinesischen Milliardärin Yu Wenhong gehören in Asien mehr als 4500 Schönheitssalons – und in Obertal das Schwarzwald Sanatorium. Dabei wollte sie doch etwas ganz anderes.

von Stefan Ruzas
Fr. 11. Januar 2019 8

Eigentlich ist sie ja nur auf der Suche nach einer Lösung gegen Falten. Modedesignerin Victoria Beckham schwört ja auch auf diese Wirkung von Cremes und Ampullen, die auf Basis von Schafsplasma-Serum entstehen. Oder die Pop-Göttinnen Madonna und Jennifer Lopez. Weil die darin enthaltenen Stammzellen aus Schafsplazenta ihre Gesichter so schön glatt und jung aussehen lassen. Auch Chinesinnen lieben den Wirkstoff, der den natürlichen Regenerationsprozess der Haut anregen soll. Es war eine Geschäftsreise, die Yu Wenhong in den Schwarzwald nach Baiersbronn führte; auf der Suche nach neuen Anti-Aging-Methoden und, ja, auch auf der Suche nach Schafsplazenta. Weil sich Chinas Schönheitskönigin ständig für neue Ideen interessiert. Im Baiersbronner Ortsteil Obertal fand sie das leerstehende Schwarzwald Medical Resort Obertal, das 2014 eh zum Verkauf stand und griff direkt zu. „Die wunderschöne Landschaft hier, die Ruhe und die heilklimatische Luft, dazu Beauty-Anwendungen: Das entsprach genau meinen eigenen Ansprüchen und damit auch denen meiner Kundinnen“, erzählt Yu Wenhong im Interview mit dem „Baiersbronn Magazin“.

Mit ihrer Firma, der HG Health GmbH, übernahm sie kurzerhand das Haus, benannte es in Schwarzwald Sanatorium um und baute es zu einer offiziell zugelassenen Klinik für Augenheilkunde und Naturheilverfahren um. Mit 150 Betten für Patienten und Gäste, allesamt natürlich aus dem Land der aufgehenden Sonne, mit 50 neuen Arbeitsplätzen und renommierten Ärzten. Einzige Voraussetzung für den Kauf: ein eigener Landeplatz für den Hubschrauber. Seitdem kommen Jahr für Jahr mehr als 1000 Chinesen ins Schwarzwald Sanatorium. Zur Behandlung von Stoffwechsel- und Augenerkrankungen oder Störungen des Immunsystems, aber auch für Organextrakt-Therapien und diverse Anti-Aging-Behandlungen. Die eigens produzierte Hochglanzbroschüre „Realized the art of dream“ zeigt zumindest mehr als verblüffende Vorher-Nachher-Bilder mit Gesichtern ihrer chinesischen Kundschaft. Neuerdings gibt es in China aber auch psychologische Beratungsangebote sowie Meditationskurse indischer Prägung. Viele der durchaus wohlhabenden Patienten, die für ihren Aufenthalt in Obertal oft eine ordentlich fünfstellige Euro-Summe investieren, leiden auch unter Stress-Symptomen wie Rücken- oder Gelenkschmerzen und Bluthochdruck. Im klinikeigenen Restaurant mit dem schönen deutschen Namen „An der Rechtmurg“ gibt es 160 Sitzplätze, an denen für ein besseres Wohlbefinden nicht nur asiatische Spezialitäten, sondern auch Schwäbisch-Deutsches serviert wird.

„Für mich ist Baiersbronn wie ein Gemälde, in dem alles genau an seinem richtigen Platz ist. Selbst Tiere wie die Enten oder Fische oder meine Joggingstrecke vom Sanatorium in den Wald. Es ist einfach stimmig.“
Yu Wenhong, Unternehmerin und Milliardärin

Alle zwei bis drei Monate kommt die 48-Jährige Yu Wenhong - manche glauben, sie sei locker 20 Jahre jünger - für mindestens eine Woche nach Baiersbronn und jedes Mal freut sie sich auf das Leben im Schwarzwald: „Ich mag das Obst und das Gemüse in dieser Region sehr, weil alles so umweltfreundlich und biologisch ist. Und ich trinke wirklich nur in Baiersbronn Bier, esse Würstchen und manchmal tatsächlich sogar eine Schweinshaxe, weil es mir hier einfach schmeckt. Aber jetzt möchte ich auch erstmal wieder ein bisschen abnehmen.“ Vor 25 Jahren hat Yu Wenhong in China mit einem kleinen Kosmetikstudio angefangen, auf elf Quadratmetern und mit zwei Behandlungsplätzen. Heute ist sie Milliardärin, Mutter von zwei Kindern und betreibt als Präsidentin der Aktiengesellschaft Young Merry Real International Group mit Sitz in Hangzhou mehrere Kliniken in China, Hongkong und ganz Asien sowie mehr als 4500 Schönheitssalons. In China gilt sie längst selbst als Stil-Ikone. Auf Filmfestivals in Cannes und anderswo zeigt sie sich stolz mit Hollywoodstars wie Ben Stiller („Verrückt nach Mary“) und ersteigert dort zugunsten der American Foundation for Aids Research auch schon mal etliche Designerkleider von Chanel und Dior. Wovon Yu Wenhong träumt, wenn sie an Baiersbronn denkt? „Dass unser Schwarzwald Sanatorium noch größer und berühmter wird, ein echtes Mehrzweck-Sanatorium. Und wir hoffen, dass wir auch den Austausch zwischen chinesischen und deutschen Unternehmen erleichtern. Es gibt ja bereits einige Chinesen, die hier im Ort auch Häuser kaufen oder bauen würden. Sie wollen investieren und vielleicht gelingt es ja tatsächlich, so etwas wie eine ‚Chinatown’ in Baiersbronn zu bauen.“ Gute Verbindungen hat Yu Wenhong jedenfalls – auch in die hohe Politik. Die Unternehmerin sitzt sogar in einem einflussreichen Beratungsgremium des Gesundheitsministeriums der Volksrepublik China.

Gelernt, Gutes zu tun, hat sie bereits: Im Herbst 2018 hat Yu Wenhong mit ihrem Unternehmen 200 Bäume gespendet, um den Baiersbronner Gemeindewald im Bereich Elme wieder aufzuforsten. Und weil beim Mondfest in China ohnehin traditionell Bäume gepflanzt werden, halfen der umtriebigen Yu Wenhong nicht nur zwei Gemeindeförster, sondern auch 100 ihrer Gäste. In China gelten Bäume nämlich als Symbol für Glück und Reichtum. Beim Sommerempfang ihres Unternehmens spendete sie außerdem der Obertaler Bergwacht für den Ausbau von Rettungswache und Jugendarbeit. Außerdem ist sie Patin des Konzerts „Weltenbrand“ mit Konstantin Wecker und der Bayerischen Philharmonie auf dem Schwarzwald Musikfestival in Baiersbronn.

Stefan  Ruzas
Stefan Ruzas

Der gebürtige Düsseldorfer wohnt seit 30 Jahren in München und hat zwei Kinder. Er schreibt als Autor für Titel wie FOCUS, Süddeutsche Zeitung, Welt am Sonntag, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung oder die Zeit. Er ist Gründer des modernen Bergmagazins Monte und Dozent an der Akademie der Deutschen Medien.

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