Wenn Kinder die wahren Experten sind
Familienglück

Wenn Kinder die wahren Experten sind

Ohne sie wäre Murgels Spielhaus nicht geworden, was es heute ist: ein Ort für die Drei- bis Zwölfjährigen unter den Gästen in Baiersbronn und den Einheimischen. Entworfen von Grundschulkindern.

von Stefan Ruzas
Fr. 11. Januar 2019

Murgel, das Maskottchen von Baiersbronn also, hat einen neuen Freund. Feuri heißt er, „Feuri, der Feuerkönig“ und er wohnt in einer Höhle im Berg unterm Kohlemeiler. Lustig sieht er aus, wie eine Mischung aus Kobold und Drache. Robin findet, seine Hauptfarbe sei rot und er habe einen Feuerbart, Feuerfinger und Feuerbeulen. Und sein Hobby ist, logisch, Baden. Schließlich ist sein bester Freund der Feuerboy.

Damit etwas Besonderes entstehen kann, braucht es besondere Ideen und Fachleute. Und durch den Umbau von Murgels Spielhaus direkt neben dem Kurgarten sollte etwas Neues, Außergewöhnliches entstehen. Also luden die Architekten Klaus Günter oder Jörg Finkbeiner vom Architektenbüro Partner und Partner 35 Baiersbronner Grundschulkinder zu Workshops ein - von der ersten bis zur vierten Klasse. „Es ging darum, das Projekt in der Gemeinde zu verankern, Identität der späteren Nutzer mit dem Projekt zu erzeugen – und von den Kindern zu lernen, was ihnen wirklich Spaß macht“, erklärt Jörg Finkbeiner. „Die Kinder waren sehr intensiv bei Sache. Wir haben sehr viele Geschichten und Ideen von ihnen gelernt, auf die wir so nie gekommen wären.“

„Der Feuerboy schläft auf einem Lagerfeuer. Seine Höhle ist unterm Kohlemeiler in der Nähe von einem großen Wasserfall. Er muss alle fünf Stunden baden, da er sonst explodiert“
Robin, Grundschüler aus Baiersbronn

Vorgegeben haben die Architekten und ihr Team den quirligen Grundschülern nur die vier Elemente Wasser, Erde, Feuer und Luft, die in die schönen Geschichten des Schwarzwaldes eingewoben wurden. So entwickelten die kleinen Experten wunderbare Fabelwesen. Seither gibt es „Feuri, den Feuerkönig“ oder die „Wasserkartoffel“. Mit Hilfe von Schachteln und Kartons entwarfen die kreativen Köpfe wunderbare Welten dazu – zum Beispiel ein Forellenhotel, einen „Wackelstein“, die „Wurzelwelt“ oder den „Feuerberg“.

Kind gemacht

Die Grundschuldkinder aus Baiersbronn haben sich in Workshops Figuren für die vier Elemente - Wasser, Erde, Feuer, Luft - ausgedacht. In Murgels Spielhaus sind sie und ihre Geschichten nun erlebbar.

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Die Wasserkartoffel und der Umrandungsfisch

Die schwimmende Kartoffel taucht nach Silbermoss. Das Silbermoss schimmert in der Unterwasserwelt. Der Umrandungsfisch sammelt Kapselsamen. Wenn er sie isst, wird er größer und bekommt eine neue Umrandung.

 

 

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Der Wurzelwicht

Der Wurzelwicht hat einen Fadenwurm als Haustier und isst gerne Regenwürmer. Die Wände seiner Höhle sind mit Diamanten gespickt, wenn man diese berührt, fangen sie an zu leuchten. Der Erdwicht gräbt auch nach Träumen, die er den Kindern schenken möchte.

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Der Feuerkönig

Feuri, der Feuerkönig ist eigentlich grün, wenn er sich aber ärgert oder tobt, wird er rot. Er ist ein Feuerkobold, der sich in einen Drachen verwandeln kann und hat hölzerne Arme und Beine, die sich entzünden, wenn er tobt. Sie wachsen aber wieder nach.

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Die Glücksfee

Die Glücksfee wohnt in einem Baumhaus und schläft auf einem Blütenbett. Sie kann fliegen und ist immer umgeben von Vögeln, Schmetterlingen und Blumen. Sie hat lange Haare, Flügel aus hauchdünnen Blättern und trägt ein Kleid.

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Alles konnten die Architekten nicht kinderwunschgemäß umsetzen. Aber fast alles. Der Wackelstein wurden zur Möbelwippe, das Forellenhotel zur spiegelnden Fisch-Garderobe, und die Diamanten, die der Erdgeist findet und sie den Kindern in ihren Träumen schenkt, glitzern im leuchtenden Durchgang zur Wurzelwelt. Die schwimmende Kartoffel mit ihren Glitzerwimpern spiegelt sich in Form von kleinen Lämpchen wider. „Den Entwurf haben wir uns von den Kindern vor Baubeginn abnehmen lassen – bei leckerem Kakao“, erzählt Finkbeiner schmunzelnd. Jetzt wirbeln und spielen und basteln die Kinder in Murgels Spielhaus, als gäbe es nichts Schöneres. Ruhigere Plätze für konzentriertes Spielen wechseln sich mit Tobezonen ab. Für jedes Kind und Temperament ist was dabei. Die „Wasserwelt“ im Murgels Spielhaus funktioniert als Schaufenster zum Ort. Also als Ausstellungsfläche für die kreativen Kinderarbeiten, aber auch Warteraum für die Eltern, wenn sie ihre Kinder hinbringen oder abholen – es wurde inzwischen zum Elterncafé erweitert. Der Eingang zur „Wurzelwelt“ ist eine angedeutete, überdimensionale Baumwurzel mit verschiedenen Eingängen für Groß und Klein, einem integrierten Spiel und die Möglichkeit, in die Tiefen der Wurzeln zu kriechen. Hier befindet sich auch die Kindergarderobe. In die Wurzelwand ist eine Küche integriert, die sich bei Bedarf zum Toberaum hin öffnen lässt und somit viel Platz für kleine angehende Meisterköche bietet. In der „Baumkrone“ haben die Kinder tatsächlich den Eindruck, über dem Schwarzwald zu schweben. Zwei Panoramafenster bieten Platz zum Lesen. Auf den Regalzweigen befinden sich die Bastelutensilien, die sie auf den Wipfelspitzen und Blättertischen verbasteln und verbauen können. Zu einer Bühnenlandschaft mit Podesten und Höhlen hat sich der „Feuerberg“ entwickelt. Ein Platz zum Vorlesen, Spielen, aber auch zum Chillen. Die Podestlandschaft zieht sich über das ganze Panoramafenster nach draußen und in den Garten hinaus.

Und auch dort, im Garten, gibt es viel zu erleben. In der Hochsaison im Sommer finden immer wieder lustige Wettbewerbe statt, die die Kleinen kreativ fordern. Wie beispielsweise die „Spiele ohne Grenzen“ mit viel, viel Wasser. Neben Entenfangen und Fischeschnappen dürfen sich die Kinder auch im Gummistiefelweitwerfen oder Goldwaschen messen. Dank reger Unterstützung der ortsansässigen Geschäfte und Banken sowie vieler jugendlichen Helfer gibt’s immer wieder spannende Events und für jeden Teilnehmer ein kleines Geschenk oder einen Preis. Die Kinder aus Baiersbronn sind richtig stolz darauf, dass sie dazu beigetragen haben, aus dem ehemaligen Kurcafé der 1970er Jahre eine so tolle Spielstätte gemacht zu haben. Ein Elterncafé, eine chillige Wartezone fürs Bringen und Abholen der Kleinen und WLAN bringt dann auch die Eltern dazu, sich in Murgels Spielhaus wohlzufühlen und vielleicht auch mal Kontakte zu anderen Gäste-Familien zu knüpfen. Die Besucherzahlen haben sich seit der Eröffnung verdreifacht.

Adresse:

Murgels Spielhaus

Bildstöckleweg 32

72270 Baiersbronn

 

Weiter Informationen finden Sie hier.

Stefan  Ruzas
Stefan Ruzas

Der gebürtige Düsseldorfer wohnt seit 30 Jahren in München und hat zwei Kinder. Er schreibt als Autor für Titel wie FOCUS, Süddeutsche Zeitung, Welt am Sonntag, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung oder die Zeit. Er ist Gründer des modernen Bergmagazins Monte und Dozent an der Akademie der Deutschen Medien.

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