Schlittenrennen in Baiersbronn im Schwarzwald

Schlittengaudi am Ruhestein

Ein vorletzter Platz ist Gold wert, meint Stefan Ruzas voller Überzeugung nach dem ersten Hornschlittenrennen seines Lebens.

von Stefan Ruzas
Fr. 08. März 2019 7

Eigentlich sind wir ja nur zum Rodeln hier, an diesem sonnigen Februartag am Ruhestein – gleich neben dem Nationalparkzentrum an der Schwarzwaldhochstraße oberhalb von Baiersbronn. Aber bei der Ankunft hören wir plötzlich: „Beim Sägen entscheidet sich vieles.“ Wie jetzt, sägen? Peter Lamprecht ist 1. Vorsitzender der Rennrodelgemeinschaft „Weißer Blitz“ Neusatz und er ist auch bei der von seinem Verein organisierten Schlittengaudi für Jedermann mit angemessenem Ernst bei der Sache. Muss ja alles seine Ordnung haben. Weswegen die Organisation auch wirklich vom Feinsten ist - von der Ausgabe der Startnummern über die hochprofessionelle Zeitmessung bis zur liebevollen Preisverleihung. Das alles konnten wir ja nicht ahnen, meine Frau und ich. Seit Jahren schon wollen wir einfach mal auf einem Hornschlitten talwärts kacheln. Was man halt so macht, wenn man 50 ist und älter. Und hier am Ruhestein soll es endlich klappen. Seit sieben Jahren gibt es diese Rennen, mit uns haben sich 14 Zweier-Teams angemeldet. Bis auf ein Brüderpaar aus den Niederlanden sind es alles Einheimische, noch dazu die halbe DLRG-Jugend aus Pfalzgrafenweiler und Walter Finkbeiner und Reiner Morlok, die Seriensieger aus Baiersbronn, die als Team entsprechend selbstbewusst „des mache mar im schlof“ heißen und Schlafmützen tragen. Wir sind „Team Toni“, benannt nach unserem Pudelwelpen, der uns mit all den Zuschauern am Pistenrand anfeuern darf.

Oben an der Mittelstation versammeln sich die Starter. Lamprecht und seine Vereinskameraden erklären, worum es bei der Schlittengaudi wirklich geht. Von ganz oben erst eine Abfahrt auf zwei einzelnen Rennrodeln durch eine scharfe Kurve bis zur Mittelstation. Dort dann zu zweit mit einem viel zu langen Sägeblatt einen Baumstamm in Scheiben schneiden. Ist das geschafft, gleich nebenan zwei in Plastik gepackte Heuballen auf einen Hornschlitten hieven, um den dann um einen zirka zehn Meter entfernten Pfosten zu schieben, wo man die Ballen dann wieder los werden darf. Und dann auf dem Schlitten talwärts. Natürlich möglichst schnell, das Ganze. Und in zwei Durchgängen. Wird schon gut gehen, schwören wir uns, meine Frau und ich. Sind ja schließlich seit fast 25 Jahren verheiratet.

Aber, verdammte Axt: Wie steuert man solch einen Hornschlitten-Hobel überhaupt?

Lamprecht gibt präzise Anweisungen: „Möglichst viel Gewicht nach hinten, der Hintermann hängt also hinten raus und lenkt durch die Verlagerung seines Gewichts. Und der vorne gibt die Kommandos. Und immer schön festhalten.“ Okay, einfach mal ein erster Probelauf. So wie die anderen auch, die das aber alle irgendwie können. Sieht ja sogar ganz bequem aus, der Schlitten. Statt harten Sitzbänken sind zwischen den hörnerförmigen Holzkufen Feuerwehrschläuche befestigt. Ist bloß alles viel größer und länger als gedacht – und deswegen erstmal auch ungelenker. Gleich nach dem Start – meine Frau sitzt vorne, ich hinten – rammen wir die erste Begrenzungsstange, dann noch eine. Erst im unteren Drittel der Piste läuft’s besser und bei den nächsten Probeläufen auch. Wobei wir ein Problem haben: Meine Frau ist derart erkältet, dass ich ihre Kommandos schlicht nicht höre. Blindflug also.

Ach, egal, ist doch schließlich eine Schlittengaudi und kein Weltcup. Also schnell noch Sägen üben und das Steuern der Rennrodel, dann beginnt auch schon der erste Lauf. Lautsprecher-Durchsagen, herrliche Sonne, jede Menge Publikum am Pistenrand – darunter auch Toni, unser Hund - und wir mit der Startnummer 8. Die jungen Leute von der DLRG fahren Überschall, so wirkt es zumindest, und sie sehen in ihren T-Shirts und den Sonnenbrillen irgendwie eher nach lässiger Strand-Gaudi aus. Wir sind gut verpackt und frieren trotzdem. Aufregung! Der Start mit den Rennrodeln gelingt, die Ankunft an der Mittelstation nicht so. Meine Frau fährt mir mit ordentlicher Wucht in die Beine und mich damit fast um. Wir verhaken uns und sägen mit einer gewissen Verzögerung. Das wackelig-weiche Sägeblatt versenkt sich erst nach einigen vergeblichen Versuchen in der Nut des Baumstammes. Wir suchen einen Rhythmus, finden ihn. „Einfach nur ziehen, nie schieben“, rät uns einer der Helfer, der den Stamm festhält. Das hilft. Nach einer gefühlten Ewigkeit fällt die abgesägte Scheibe des Stammes zu Boden.

Ich höre die anfeuernden Rufe der Zuschauer und sehe einzelne Gesichter wie Blitze. Schnell die Heuballen noch auf den Schlitten, schieben, runterwerfen. Eigentlich sind wir ja ein super Team! Laufen, schieben, laufen, aufspringen und ab geht die Luzi. Wir rammen keinen Pfosten mehr, auch wenn’s nicht gerade Ideallinie ist, und unten im Ziel kennt der Jubel keine Grenzen mehr. Zumindest nicht für uns. Eine Minute, 54 Sekunden und 31 Hundertstel. Am Ende des ersten Laufs wissen wir: Die Erstplatzierten sind doppelt so schnell wie wir. Die mit den Schlafmützen natürlich. Vorläufiges amtliches Zwischenergebnis: Wir sind Vorletzte!

Nochmal, nochmal. Wir wollen eine zweite Chance und zwar sofort. Nach einer Weile dürfen wir. Und tatsächlich: Beim Sägen entscheidet sich wirklich vieles. Wir wissen nun, wie’s geht und sägen um unser Leben. Im Ziel zeigt sich, dass wir mehr als sechseinhalb Sekunden schneller sind. Und nach 14 Startern wissen wir: Wir bleiben Vorletzte, aber dieser Platz ist Gold wert. Weil es riesig viel Spaß gemacht hat. Weil dabei sein eben manchmal wirklich alles ist. Und weil auch das vorletzte Team bei der Siegerehrung zwei Urkunden bekommt und eine Speckplatte. All das ruft nach Wiederholung.

Stefan  Ruzas
Stefan Ruzas

Der gebürtige Düsseldorfer wohnt seit 30 Jahren in München und hat zwei Kinder. Er schreibt als Autor für Titel wie FOCUS, Süddeutsche Zeitung, Welt am Sonntag, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung oder die Zeit. Er ist Gründer des modernen Bergmagazins Monte und Dozent an der Akademie der Deutschen Medien.

Fotograf Hardy Müller
Hardy Müller

Der Fotograf wurde 1965 in Ludwigshafen am Rhein geboren, studierte in Bielefeld Fotodesign und kehrte danach wieder in die Pfalz zurück. Der Vater von zwei Kindern arbeitet seither als freelancer, u.a. für GEO, National Geographic, Stern, Greenpeace Magazin und Die Zeit.

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