Baiersbronn im Interview | Was wird nach Corona?
Interview

Was wird nach der Corona-Krise?

Wie man in Baiersbronn auf die aktuelle Situation reagiert und was vor allem die Gastronomen für die nahe Zukunft planen, verraten drei renommierte Hotelwirte und Tourismusdirektor Patrick Schreib.

von Baiersbronn Touristik
Mi. 29. April 2020 8

„Stay Home“ heißt es seit Mitte März, Gaststätten und Hotels wurden im Zuge der Corona-Präventions-Maßnahmen auf vorerst unbestimmte Zeit geschlossen. Wie gehen Sie mit dieser Situation um?

PATRICK SCHREIB (Tourismusdirektor Baiersbronn): Viele Betriebe sind durch die Krise extrem beeinträchtigt. Ich bin mit vielen im Gespräch und je länger der Shut Down, desto schwieriger wird es natürlich, da die Einnahmen bei Null liegen. Auch Rücklagen sind irgendwann aufgebraucht. Und man darf nicht vergessen: Im Tourismus, im Hotelgewerbe, in der Gastronomie werden einmal entgangene Umsätze nie wieder reingeholt. Die Menschen machen ja nicht nächstes Jahr doppelt so viel Urlaub.

 

SEBASTIAN FINKBEINER (Traube Tonbach, Baiersbronn-Tonbach): Tatsächlich ist unsere größte Herausforderung, die unerwartete Betriebsschließung wirtschaftlich zu überbrücken, da wir aktuell natürlich auch nicht wissen wann und wie es weitergehen wird. Wir versuchen deshalb unsere Gäste aktiv zu motivieren, ihre Reservierungen vorerst aufrecht zu erhalten. Gleichzeitig mussten wir leider einen Großteil der Mitarbeiter in die Kurzarbeit entlassen.

 

JÖRG UND JUTTA MÖHRLE (Hotel Tanne, Baiersbronn-Tonbach): Und die müssen jetzt mit 60 Prozent ihres Gehalts zurechtkommen. Das ist für manche Kollegen verständlicherweise ein großer Einschnitt. Aber wir hoffen inständig, dass wir die Krise gemeinsam meistern können, denn gute Mitarbeiter zu haben, ist ein großes Glück. Diese möchten wir nicht verlieren.

 

HANNES BAREISS (Hotel Bareiss, Baiersbronn-Mitteltal): Völlig richtig. Wir müssen jetzt alle an einem Strang ziehen, aktiv gesund bleiben, indem wir uns solidarisch und konsequent gemeinsam an alle Regeln halten. Zugleich ist es wichtig, sowohl mit unseren Mitarbeitern als auch mit unseren Gästen in Kontakt zu bleiben: in herzlicher Verbundenheit und voller Optimismus, uns so bald als möglich gesund und froh wiederzusehen.

Welche Weichen stellen Sie bereits jetzt für die unmittelbare Zeit nach dem Lock Down?

HANNES BAREISS: Oberste Priorität haben der Schutz und die Sicherheit für die Gesundheit unserer Mitarbeiter und unserer Gäste. Dem gehören jetzt vorrangig alle Vorkehrungen, die wir, nach schon bestehenden sowie noch erwartbaren Auflagen, sowohl für eine hoffentlich bald mögliche Wiedereröffnung als auch für den fortschreitenden Neubau treffen, mit dem wir neue Standards für Arbeits-, Sozial-, Büroräume usw. schaffen.

 

JÖRG UND JUTTA MÖHRLE: Wir glauben, die Krise hat uns alle für bestimmte Notwendigkeiten sensibilisiert, die in Zukunft in den Hotelalltag einfließen. So werden wir an der Rezeption eine Plexiglasscheibe installieren, Desinfektionsspender für Gäste und Mitarbeiter bereitstellen und einen Vorrat an Schutzmasken anlegen. Gleichzeitig versuchen wir für die unmittelbare Zeit nach der Wiedereröffnung Dienstpläne so zu gestalten, dass der gebotene Abstand beispielsweise bei Essenspausen unkompliziert möglich wird. Für unsere Gäste schüren wir derweil zielgerichtete Angebote zur Stärkung des Immunsystems, zum Thema Achtsamkeit und für den gesunden Naturgenuss.

 

SEBASTIAN FINKBEINER: Auch wir sind darauf vorbereitet, direkt nach der Betriebsschließung mit tollen Highlights wieder durchstarten zu können. Wir haben beispielsweise unser Four-Hands-Dinner mit Torsten Michel und Florian Stolte auf Mitte Mai verschoben. Zusätzlich sind unsere Yoga-Wochen darauf ausgelegt, dass man sich auf seine Gesundheit konzentrieren und seinen Geist stärken kann. Ich denke, unsere Region bietet so viel Platz, dass man dem Virus auch einfach davonwandern kann.

 

PATRICK SCHREIB: Das ist das Wichtigste! Die einmalige Natur des Schwarzwaldes ist ja unverändert vorhanden. Und natürlich werden wir nach dem Lock Down nicht einfach aufsperren und alles ist wie vorher. Nicht nur die Wirte hier, sondern alle Menschen in Baiersbronn, die mit dem Tourismus zu tun haben, werden Maßnahmen sichtlich Hygiene und Sicherheit optimieren und neu justieren. Wir sind derzeit schon dabei, die wichtigsten Fragen zu klären: Wie garantieren wir den sicheren Personenzustrom und den Abstand untereinander? Was bedeutet das für unser Freizeitangebot und unsere Wanderwege. Wie organisieren wir den öffentlichen Nahverkehr? Gleichzeitig müssen wir die Erwartungshaltung der Gäste neu einschätzen. Zum Beispiel: Wie viele Schutzmasken sollten wir für unsere Gäste vorrätig haben? Hierzu sind wir derzeit im regen Austausch und in der Koordination mit den Verantwortlichen in der Region.

Welche Chancen, die aus der Krise erwachsen, sehen Sie für die Region Baiersbronn?

JÖRG UND JUTTA MÖHRLE: Wir glauben, regionale Reisen und Produkte werden mehr denn je gefragt sein. Und genau darauf sind wir in der Region Baiersbronn seit jeher spezialisiert. Der Schwarzwald bietet sich für die Erholung und zum Kraft tanken an. Trotz der Abstandsregeln werden Gespräche von Mensch zu Mensch wichtig bleiben und gerade die familiäre Atmosphäre ist doch die große Stärke der Gastgeber in Baiersbronn.

 

SEBASTIAN FINKBEINER: Auch ich bin sicher, dass die Menschen mittel- bis langfristig den Urlaub im eigenen Land wieder mehr zu schätzen lernen. Wenn die Corona-Krise überstanden ist, wird sich das Reiseverhalten dahingehend ändern, dass viele vor langen Flug- oder Schiffsreisen zurückschrecken werden. Faktoren wie ein hervorragendes Gesundheitssystem, eine sehr gute Infrastruktur gepaart mit der einmaligen Landschaft des Schwarzwaldes, sprechen dann klar für Urlaub im eigenen Land. Und auch für unsere direkten Nachbarn, bleibt der Schwarzwald als Naherholungsgebiet interessanter denn je.

 

HANNES BAREISS: Dem stimme ich voll zu. Aufgrund seiner geografischen Lage ist der Schwarzwald hervorragend erreichbar und bietet eine ganz eigene „heile Welt“ für sich. Hier können die Menschen buchstäblich ohne Berührungsängste stunden- und kilometerlang zu zweit oder für sich allein Spazierengehen, Wandern, Fahrradfahren oder E-Biken. Und unser einmaliger Baiersbronner Wanderhimmel, das ist ja wirklich der Himmel auf Erden. Nicht zu vergessen: Der Schwarzwald ist eine Gastgeber-Region von fast ausschließlich privat und familiär geführten Hotels. Im Bareiss und in den Häusern der Kollegen erleben unsere Gäste genau das, was derzeit eine gesellschaftliche Renaissance erfährt: Rücksichtnahme, Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und vor allem eine spürbare herzliche Nähe.

 

PATRICK SCHREIB: So schlimm die Krise auch ist, sie bietet gleichzeitig die Chance auf einen Restart unter geänderten Rahmenbedingungen. Denn Corona-Pandemie wird uns sicherlich noch bis ins nächste Jahr hinein begleiten. Es ist jetzt an uns, zu überlegen, welche Möglichkeiten wir haben. Sicher ist: Urlaub im eigenen Land wird nach der Krise wesentlich an Zuspruch gewinnen und die Region um Baiersbronn gehört nun mal zu den schönsten Flecken Deutschlands. Hinzu kommt unser vielfältiges Angebot für Familien, Fahrradfahrer, Mountainbiker und Wanderer. Die Feinschmecker nicht zu vergessen. Darüber hinaus sind wir Vorreiter im nachhaltigen Tourismus. Haben oder Sein, das sind die Fragen, die sich die Leute jetzt stellen. Wir haben darauf die Antworten.

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