Auch Schneefräsen haben Freunde - Baiersbronn Online-Magazin
Kulturgut

Auch Schneefräsen haben Freunde

Einer der ungewöhnlichsten Klubs in Baiersbronn kommt aus Obertal. Seine Rennen sind einzigartig.

von Stefan Ruzas
Di. 12. März 2019 5

Angefangen hat alles mit einer Schnapsidee bei sommerlicher Hitze. Beim Rasenmähen in Flipflops kamen Hermann Köhler und Bernd Gaiser auf die Idee, Heu zu fräsen. Sie holten also kurzerhand eine Schneefräse aus der Garage und fuhren mittenrein, in einen Heuhaufen. Hat zwar nicht so ganz funktioniert, die Idee, aber die Leute auf der Straße fanden die Aktion der Nachbarn aus dem Baiersbronner Ortteil Obertal dann doch sehr lustig. „So kamen wir erst drauf, mal ein Schneefräsen-Rennen im Winter zu veranstalten. Weil die Geräte einfach großartig sind.“ Es war die Geburtsstunde des Klubs Schneefräsenfreunde Obertal.

Beim ersten Schneefräsen-Rennen waren gleich 30 Fräsen dabei. Das war im Jahr 2011. „Anfangs sind wir nach einem Massenstart einfach die Straße in Buhlbach Richtung Langlaufloipe rauf“, erinnert sich Gaiser. „Das war schon irgendwie im Wettrenn-Modus, wenn man davon bei Schritttempo überhaupt sprechen kann.“ Der Spaß an der Freude war von Beginn an einzigartig und die Resonanz der Zuschauer sowieso. Natürlich auch wegen der fröhlichen „After-Fräs-Party“.

Waren es bei der Premiere noch 100 Zuschauer, kamen nun schon bis zu 500. Und das Radio und das Fernsehen waren auch dabei. Kaum mehr als zehn Minuten brauchen die besten Schneefräser für den ein Kilometer langen Kurs. „Eigentlich gewinnt immer der Felix Finkbeiner“, sagt Gaiser mit einem Schmunzeln. „Aber der Grundaufbau seiner Schneefräse beruht ja auch auf einer Mähmaschine und die ist halt einfach schneller.“

Beim zweiten Mal gab es oben in Buhlbach einen ganzen Parcours und amüsanterweise wurde das Ganze gleich als „internationale Meisterschaft“ angekündigt. Warum auch nicht? Bei knackiger Rockmusik und dramatischem Kunstnebel ging es für die Schneefräsen von der Ladefläche eines Lastwagens in zwei Wertungsklassen an den Start: Rad- und Raupenfräsen; wäre ja sonst unfair. Der Start verlief wie beim legendären Langstreckenrennen in Le Mans – die Teilnehmer durften einen Berg rauf rennen, zügig ein Bier trinken, wieder runter und erst dann zu ihren Fräsen – dann unterwegs verschiedene Stationen: von Brezel-Essen bis Biathlon. Wobei darunter zu verstehen ist, dass Schneebälle in einen Eimer zu werfen sind. „Das war schon ein Staffelrennen in Teams“, erzählt Köhler. „Da entstanden aus Jux und Dollerei natürlich großartige Konkurrenzkämpfe, wenn im Vorbeigehen beim Gegner kurz der Stecker gezogen und die Schneefräse einfach ausgemacht wird.“

"Der Start verlief wie beim legendären Langstreckenrennen in Le Mans"

Je nach Schneelage finden die Schneefräsen-Meisterschaften zirka alle zwei Jahre statt und natürlich haben die Schneefräsenfreunde längst entsprechende Mannschaftskleidung und eine eigene Facebook-Gruppe. Der Schnee wird notfalls sogar extra mit LKW-Ladungen aus dem Hochschwarzwald angefahren. Für manche der Teilnehmer ist sie ein ausgewachsenes Hobby geworden, die Schneefräse. Für Alexander Köhler zum Beispiel, der schon als Kind den Kosenamen „Monster“ bekam. Vier Schneefräsen hatte er zeitweise, jetzt sind es immerhin noch zwei. Und was für welche! Die „Rolba Snowboy 2004“ ist eigentlich eine Hochgebirgsfräse aus dem Alpenraum. Pro Stunde kann sie 90 Tonnen Schnee umsetzen, die Wurfweite liegt bei sensationellen 50 Metern. „Die ist wirklich nix für den Alltagsgebrauch“, berichtet Alexander Köhler stolz. Er hat das Prachtstück aus dem Baujahr 1980 komplett restauriert. Köhler: „Den ersten Rennstart hat sie geschafft, aber dann ist erst mal die Kupplung flöten gegangen. Mit ihren 800 Kilogramm ist die ja viel zu schwer.“

Er hat ja schließlich noch seine Radfräse von Honda, Modell „HS-1390 Z“, die neu und regulär 12 000 Euro kostet. Das Köhler-„Monster“ hat sie für ein Viertel des Preises erstanden. Feuerrot steht sie da, mit ihrem mächtigen Auswurf-Kamin, neben dem Fahrhebel gibt es auf dem Armaturenbrett nur zwei grafische Hinweise: Vorwärts, rückwärts sowie ein Hase und eine Schildkröte für zwei Geschwindigkeiten: langsam und schnell. Aber natürlich nicht schneller als vom Hersteller vorgeschrieben. „Es wird ja alles getan, um die Dinger schneller zu machen“, räumt Köhler ein. „Einer hat sich Autoreifen drauf gemacht, mit weniger Profil. Ein anderer hat die Drehzahl beim Motor erhöht. Auch elektrische Fräsen waren schon dabei und einer hat mit einer Schubkarre mitgemacht, die von einem Notstromaggregat angetrieben wurde.“

 

Es gehe wirklich nur um den Spaß, beteuern die Schneefräsenfreunde aus Obertal. Ihre Freude beim Erzählen und ihr Lachen zeigen: Sie meinen es ernst.

Stefan  Ruzas
Stefan Ruzas

Der gebürtige Düsseldorfer wohnt seit 30 Jahren in München und hat zwei Kinder. Er schreibt als Autor für Titel wie FOCUS, Süddeutsche Zeitung, Welt am Sonntag, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung oder die Zeit. Er ist Gründer des modernen Bergmagazins Monte und Dozent an der Akademie der Deutschen Medien.

Fotograf Hardy Müller
Hardy Müller

Der Fotograf wurde 1965 in Ludwigshafen am Rhein geboren, studierte in Bielefeld Fotodesign und kehrte danach wieder in die Pfalz zurück. Der Vater von zwei Kindern arbeitet seither als freelancer, u.a. für GEO, National Geographic, Stern, Greenpeace Magazin und Die Zeit.

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