Baiersbronn Magazin | Interview mit Patrick Schreib
© Dimitri Deli
Interview

Alles außer gewöhnlich

Der Schwarzwald ist weit mehr als idyllisch: Er ist ein Genuss- und Resonanzraum, in dem sich jeder wiederfinden kann. Ein Gespräch mit Patrick Schreib, dem Geschäftsführer der Nationalparkregion, über Katalysatoren, Kräfte und die Umarmung einer Landschaft

von Karen Heckers
Di. 16. August 2022

Naturpark, Nationalpark, Nationalparkregion – bei uns im Schwarzwald gibt es eine ganze Menge Parks, wie es scheint. Für den Laien klingt das alles ziemlich ähnlich. Was sind die Unterschiede, was die Gemeinsamkeiten?

Beim Naturpark und Nationalpark handelt es sich um Großschutzgebiete – mit unterschiedlichen Ausrichtungen. Beim Naturpark geht es um die Kulturlandschaft und die Pflege der Landschaft sowie die Tourismusinfrastruktur. Im Nationalpark hingegen geht es darum, die Natur Natur sein zu lassen. Die Nationalparkregion ist kein Schutzgebiet, sondern ein Zusammenschluss, eine sogenannte Destination Management Organisation. Wir kümmern uns, dass diese Region mit dieser tollen Landschaft, der Natur und den Menschen, die all das gestalten, zusammengebracht werden. Wir schnüren quasi ein Paket, das für die Menschen, die hier leben, und für unsere Gäste gleichermaßen ein tolles Erlebnis ist.

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Lesetipp: wild&echt

Das Magazin wild&echt erzählt authentische Geschichten über die Leute aus der Nationalparkregion Schwarzwald. Wie sie die Landschaft prägen und auch umgekehrt. Wild und echt eben!

 

Dieser Artikel ist erstmalig in der ersten Ausgabe vom Magazin wild&echt erschienen.

Und wer gehört zur Nationalparkregion?

Rein organisatorisch sind wir eine GmbH, vereinen 27 Gemeinden bei 21 Gesellschaftern und haben uns auf den Weg gemacht, die Region nachhaltig zu entwickeln. Mit dem Nationalpark und allen anderen Akteuren, die diese Region zu der unseren machen. Weil wir wissen, dass man gemeinsam sehr viel mehr erreichen kann, als wenn jeder vor sich hinwurschtelt.

Wie kam es eigentlich dazu?

Oh, da muss ich ein bisschen ausholen: Wir, also die Touristiker, sind schon seit Jahrzehnten gemeinsam mit dem Verein der Schwarzwaldhochstraße unterwegs. Das war ursprünglich ein Verbund von Gemeinden und Wirtschaftsbetrieben wie Skilifte sowie Hotels und Gastronomiebetriebe an der Schwarzwaldhochstraße. 2013/2014 begann der Nationalpark Formen anzunehmen. Und wir alle haben uns überlegt, was wir machen wollen. Denn der Nationalpark bringt Aufmerksamkeit und generiert Wertschöpfung. Nicht nur in Sachen Tourismus, sondern auch beim ÖPNV und Verkehrskonzepten. Wir wollten das nutzen, einen Rahmen schaffen und das alles noch weiter ausdehnen.

"WEIL WIR WISSEN, DASS MAN GEMEINSAM SEHR VIEL MEHR ERREICHEN KANN, ALS WENN JEDER VOR SICH HINWURSCHTELT"

Und wie haben sich dann die dazugehörigen Gemeinden gefunden?

Jetzt wird’s etwas knifflig. Die Nationalparkregion ist eine vom Nationalparkrat definierte Region. Das waren ursprünglich alle Gemeinden, auf deren Gemarkung der Nationalpark liegt plus die Orte, die in einem Radius von drei Kilometern drumherum liegen. Dabei wurden dann die bestehenden Zusammenschlüsse mit hinzugenommen, sodass verschiedene Verbünde bestehen bleiben konnten. Nehmen wir als Beispiel das Renchtal: Oberkirch gehört nicht zur Nationalparkregion, Oppenau schon. Es gibt aber die Renchtaltourismus GmbH, zu der beide Gemeinden gehören. Ähnlich schaut’s im Wolf- oder Murgtal aus. Die Frage für uns war: Reißen wir diese Zusammenschlüsse auf oder versuchen wir, sie zu integrieren? Es war eine politische Entscheidung, diese Identifikationsräume zusammenzulassen und zu vereinigen. Es gibt in diesen Bereichen gelebte Strukturen und ein funktionierendes Miteinander. Und wir denken, dass das eine gute Basis ist, wenn man vertrauensvoll gemeinsam an Zielen arbeitet.

"ZIEL IST ES ZU ZEIGEN, WAS DIE REGION SO LEBENS- UND SO LIEBENSWERT MACHT"

Welche sind das?

Ich spreche da ganz bewusst als Bewohner und nicht als Touristikfachmann: diese Region mit ihren Besonderheiten und gleichzeitig in ihrer Einzigartigkeit darzustellen. Zu zeigen, was sie so lebens- und liebenswert macht. Und auch wenn der Begriff Identifikationsräume so technisch klingt, er sagt doch viel aus. Und da kommen wir auf unser neues Magazin wild&echt zu sprechen: Die Leute aus dem Renchtal etwa erfahren sicher interessante Dinge aus der Region um Bühlertal, die sie so nicht kannten, und umgekehrt. Auch das schafft Identifikation.

Der Magazin-Name ist Programm, oder?

Ja, denn es werden zwei Stränge zusammengeführt: „wild“ steht für die Natur, „echt“ für das Echte der Menschen in der Region. Wir erzählen tolle Geschichten über die Leute von hier. Wie sie die Landschaft prägen und auch umgekehrt. Wir müssen die Menschen ja auch aus der Geschichte unserer Region heraus begreifen. Warum sind die Menschen, wie sie sind? Was hat sie geprägt? Was ich da manchmal erzählt bekomme, ist irre spannend!

Nationalparkregion-Broschüre

Eine Lektüre, die sich ebenfalls lohnt: Die Broschüre rund um das Thema ÖPNV enthält alles Wissenwerte, um auch ohne Auto problemlos und schnell von A nach B zu kommen. So kann man die Nationalparkregion wortwörtlich erfahren.

Was ist denn das Besondere an den Menschen hier in der Nationalparkregion?

Dass sie stolz auf ihre Heimat und das Lebensgefühl sind. Das ist natürlich unterschiedlich ausgeprägt – ob ich jetzt in der Ortenau bin, die anders sozialisiert und kultiviert ist, oder im Murgtal, wo völlig andere Dinge für das Lebensgefühl eine Rolle spielen. Sie sind auch stolz auf das, was sie tun, wie sie es tun und was sie damit erreichen. Sie gestalten diesen Genuss- und Resonanzraum. All das strahlt auf unsere Gäste aus.

"SIE SIND STOLZ AUF WAS SIE TUN, WIE SIE ES TUN UND WAS SIE DAMIT ERREICHEN."

Du kommst viel in der Nationalparkregion herum. Was sind denn Deine Lieblingsorte?

Das kommt ganz auf meine Stimmung an. Es gibt Tage, da bin ich gerne in Durbach oben auf der Staufenburg. Da zu sitzen und sich die Landschaft anzuschauen, dazu noch ein Viertele köstlichen Wein zu trinken – herrlich! Wenn ich etwas Ruhe suche, bin ich zum Beispiel auch gerne am Buhlbachsee, dort ist es wunderbar ruhig und friedlich. Und ich erinnere mich an eine Wanderung auf der Hornisgrinde. Es war ein ganz klarer Tag, ich hatte eine traumhafte Aussicht und über dem Tal lag der Nebel. Unglaublich schön! Auch wenn das jetzt kitschig klingt: Ich hatte das Gefühl, dass mich die Landschaft umarmt.

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